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Uli Aselmann: „Im Grunde war 2012 ein gutes Kinojahr“

Im Interview mit dem medien­po­li­ti­schen Magazin Promedia (Januar-Ausgabe) spricht Uli Aselmann, Vorsit­zender der Produ­zen­ten­al­lianz-Sektion Kino unter anderem über schwan­kende Markt­an­teile deutscher Filme in den Kinos, die Wichtigkeit der Filmför­derung und die Verän­derung des Kinomar­ketes durch die Digita­li­sierung

Das Interview im Wortlaut:

Der deutsche Film hatte 2012 mit vielen Widrig­keiten zu kämpfen

„Die Anzahl deutscher Stars ist endlich“

Aussagen des Markt­for­schungs­un­ter­nehmens Rentrak kann man davon ausgehen, dass 2012 erstmals die Umsatz­mil­liarde in den deutschen Kinos erreicht bzw. überschritten wurde. Das ist ein Plus von 7,8 Prozent gegenüber den Rentrak-Zahlen des Vorjah­res­zeit­raums. Gleich­zeitig setzte sich dabei jedoch der Trend des überpro­por­tio­nalen Umsatz­wachstums der vergan­genen Jahre fort, denn die rund 126,9 Mio. Zuschauer, die im Bilanz­zeitraum die Kinos besuchten, stehen für ein Besucherplus von fünf Prozent gegenüber 2011. Aller­dings konnte der deutsche Film bei dieser positiven Bilanz wohl nicht mithalten. Laut Rentrak waren dessen Umsätze gegenüber 2011 um 20 Prozent rückläufig, die Besucher­zahlen sogar um ein Viertel. Damit ging – so Rentrak – der Markt­anteil bei Besuchern von 20,6 Prozent auf 14,5 Prozent zurück. Über die Ursachen sprach promedia mit Uli Aselmann, Vorsit­zender der Kinosektion der Produ­zen­ten­al­lianz.

promedia: Herr Aselmann, trotz steigender Anzahl deutscher Spiel­filme ist der Markt­anteil 2012 anscheinend unter 15 Prozent gesunken. Was sind die Ursachen für diese schlechte Bilanz?
Aselmann:
Es ist in unserer Branche durchaus üblich, dass es nach einem guten Jahr ein weniger gutes gibt. Das hängt auch mit den Zyklen zusammen, in denen die Filme herge­stellt werden. Mittel­stän­dische Unter­nehmen, die unsere Filmwirt­schaft prägen, brauchen etwas Zeit, ihre Geschichten sorgfältig zu entwi­ckeln und können jedes Jahr nur ein, zwei Spitzen­filme herstellen. Zudem war das Kinojahr 2012 durchaus erfolg­reich und mit einer Milliarde Euro Karten­umsatz der höchste, der in Deutschland bisher erreicht wurde. Da aber die abschlie­ßenden Zahlen noch nicht ermittelt sind, kann es durchaus auch sein, dass wir eine gleich hohe Zahl Besucher in deutschen Filmen hatten wie 2011, nur durch das Gesamt­film­an­gebot und gerade durch die drei Super­erfolge „Ziemlich beste Freunde“, „Skyfall“ und „Hobbit“ hat sich der Deutsch­film­mar­k­anteil etwas reduziert. Und immerhin sind 2012 vier deutsche Zuschau­er­mil­lionäre ins Kino gekommen, was ich so schlecht nicht finde. Im Grunde war 2012 ein gutes Kinojahr. Wir hatten zudem gleich zu Beginn des Jahres 2013 einen sehr guten Start mit einigen deutschen Filmen wie z.B. mit „Der Schluss­macher“. Das lässt hoffen und ich bin ziemlich sicher, dass wir dieses Jahr, besonders im Frühjahr, einiges erwarten können, das zeigt, dass es um den deutschen Film nach wie vor super steht.

promedia: Insgesamt ist die Förderung in den letzten Jahren gewachsen. Das heißt, viel Förderung bedeutet auch nicht automa­tisch konti­nu­ierlich gute deutsche Filme?
Aselmann: Da zitiere ich dem Sinn nach Bernd Eichinger: „Ich kann immer vorher­sagen, ob ein Film kein Erfolg wird, aber ob ein Film ein Erfolg wird, kann ich nie vorher sagen“. An diesen Satz halte ich mich, weil der Erfolg eines Films schwer vorher­sehbar ist. Ich hätte mich zum Beispiel schon bei „Hannah Ahrendt“ verschätzt, der zu Beginn des Jahres beachtlich gestartet ist und auch sich in der zweiten Woche noch auf Platz neun gehalten hat. Der Verleih hat den Film gut platziert, es ist gut gegangen. Und ein anderes Mal gibt es Filmstarts, da haben alle Betei­ligten hohe kommer­zielle Erwar­tungen, und dann bleibt so ein Film bei knapp 350.000 Besuchern hängen. Fakt ist also, dass es ohne Filmför­derung in Deutschland automa­tisch konti­nu­ierlich überhaupt keine deutschen Filme mehr geben würde.

promedia: Das heißt, dass aber insgesamt die Filmwirt­schaft in Deutschland stabiler geworden ist?

Aselmann: Das lässt sich so einfach nicht sagen, weil es auch erschwe­rende Faktoren für uns gibt. So haben unsere Fernseh­partner gegen­wärtig einige Probleme, die das Produ­zieren nicht einfacher machen. Es hat im letzten Jahr die Produ­zen­ten­schaft belastet, dass so ein wichtiger Player wie die Degeto derart geschwä­chelt hat und wir uns teilweise nicht auf Verab­re­dungen verlassen konnten oder keine neuen Produk­ti­ons­ver­ein­ba­rungen geschlossen wurden. Das spürt so ein überschau­barer Markt wie der deutsche Kinomarkt sehr schnell. Aber ganz sicher ist die Filmwirt­schaft durch den DFFF profes­sio­neller geworden. Wir werden im Ausland wahrge­nommen und können ja auch auf mehrfache inter­na­tionale Erfolge verweisen. Damit erreichen wir eine inter­na­tionale Wettbe­werbs­fä­higkeit und können am Ende auch die Arbeits­plätze in der deutschen Filmwirt­schaft stärken und stabi­li­sieren. Die durch­schnitt­liche Zahl der Produk­tionen, die vom DFFF parti­zi­pieren, liegt zwischen 100 und 115 Filmen pro Jahr, wobei darunter ein gutes Drittel Dokumen­tar­filme sind. Das ist doch alles in allem überschaubar in einem Land, wo die Kinobe­sucher 2012 eine Milliarde Euro für Tickets ausge­geben haben.

promedia: Mit Beginn der Finanz­krise vor haben sich die Banken zurück­hal­tender gegenüber Filmfi­nan­zierung verhalten als es vorher der Fall war. Hat sich die Situation inzwi­schen wieder geändert?
Aselmann:
Die Situation hat sich wieder etwas entspannt. Wir haben unter anderem mit der Commerzbank, HypoVer­einsbank, Donner und Reuschel und besonders der DZ Bank Partner, die verlässlich sind. In der Filmbranche existieren andere Größen­ord­nungen für Kredite als zum Beispiel in einer Schrei­nerei oder in anderen mittel­stän­di­schen Handwerks­be­trieben, weil unsere kurzfris­tigen Kredit­an­for­de­rungen für einen branchen­fremden Banker nicht immer leicht nachvoll­ziehbar sind – zumal unser Produkt zunächst ja nicht greifbar ist, sondern erst aus Ideen, dann einem Drehbuch sich langsam zum fertigen Film hin entwi­ckelt. Aber da sind die Millionen dann schon weg. Wenn der Tischler einen Kredit braucht für Holz, damit er daraus viele Fenster bauen kann, dann bleibt dem Banker bei einer möglichen Unlust des Tischlers, die Fenster wirklich zu fertigen, immer noch das Holz als Sicherheit für den Kredit. In der Filmwirt­schaft ist das Geld weg, wenn der Film fertig ist und man weiß eben nicht, ob der seine Herstel­lungs­kosten je wieder einspielt. Das macht den Bankern Angst. Darum wollen sie Sicher­heiten oder sie müssen den jewei­ligen Produ­zenten gut kennen und ihm vertrauen, wenn sie ihm bei der Finan­zierung die Kredite gewähren wollen. Wir hatten gehofft, dass die KfW sich stärker in der Filmfi­nan­zierung engagiert, wie es in der Koali­ti­ons­ver­ein­barung zwischen CDU/CSU und FDP festgelegt ist. Das hat aber bisher nicht funktio­niert. Das liegt meiner Meinung nach auch an der anfangs fehlenden Sachkom­petenz der Bank – siehe oben! Es ist bedau­erlich, dass eine Bank mit einem 400-Milli­arden- Euro-Etat sich nicht stärker positio­niert in der Filmfi­nan­zierung. So würde zum Beispiel die Absicherung der Kredite bei unseren Firmen­banken durch die KfW großen Sinn machen oder eben auch GAP-Finan­zie­rungen bei manchen Projekten, das würde die Filmwirt­schaft weiter stärken.

promedia: Welchen Anteil hatten Ihrer Meinung nach Marketing und Verleih an der nicht ganz so positiven Bilanz im vergan­genen Jahr?
Aselmann:
Dazu muss ich zunächst einmal auf einen rasanten Wandel der gesamten Branche verweisen, der sich in den letzten zwei Jahren durch die Digita­li­sierung vollzogen hat. Im letzten Jahr wurden nur noch vielleicht 10 Prozent der in Deutschland herge­stellten Filme auf Zelluloid gedreht. Die Zahl wird dieses Jahr vielleicht noch geringer werden. Das heißt, wir haben unseren gesamten Herstel­lungs­prozess radikal verändert. Die Digita­li­sierung bei der Produktion der Filme aber auch in der Kinopro­jektion führt zu einer viel größeren Flexi­bi­lität beim Einsatz der Filme, je nach Zuschau­er­interesse. Das macht das Marketing für die Verleiher viel schwerer, weil der notwendige Impuls für einen erfolg­reichen Kinofilm heutzutage auf das erste Start­wo­chenende festgelegt werden muss. Was da nicht sitzt und gut aus den Start­lö­chern kommt, hat schon verloren. Das ist natürlich bei dem großen Angebot an Filmen und gut 5 bis 15 Filmstarts am Wochenende eine unfassbare Marke­ting­an­for­derung. Das bezieht sich übrigens nicht nur auf den heimi­schen Markt, auch in Amerika, Frank­reich oder England ist das Start­wo­chenende entscheidend. Es gibt kaum noch „Sleeper“, die zwei, vier oder sechs Wochen brauchen, um dann noch nach oben zu kommen. Die Kinos sind heute sozusagen auf Knopf­druck in der Lage, ihr Programm zu ändern. Das führt dazu, dass der Kinobe­treiber nicht mehr nur den 20-Uhr-Termin gut program­mieren muss, sondern die Zuschauer den ganzen Tag mit exzel­lentem und möglichst auch wechselndem Programm bedienen sollte. Und wenn ein neuer Film auf den Markt kommt, bist Du mit deinem Film unter schlechten Umständen von einem 20-Uhr-Termin schnell auf den besucher­schwä­cheren 18-Uhr- Slot gerutscht – und die Zahlen fallen in den Keller. Also hier jetzt Fehler bei der Verleih­arbeit und den Marke­ting­stra­tegien zu suchen, halte ich für wenig dienlich, da muss man wirklich auch den Wandel und die Markt­si­tuation unter die Lupe nehmen.

promedia: Verleih und Marketing werden gefördert. Müsste der Förder­anteil erhöht werden?
Aselmann:
Ja. Die vier Verbände, die im Februar 2012 gemeinsam zum Filmför­der­gesetz Stellung nahmen, hatten sich darüber verständigt, dass es sich bei einer Neuaus­richtung der FFA neben der Filmför­derung stärker auch auf die Marke­tingund Verleih­för­derung fokus­sieren müsste. Denn wir sehen, dass das Risiko für die Verleiher größer wird und es am Ende des Tages nur dem deutschen Film schadet, wenn man da nicht nachjus­tiert. Das darf aller­dings nicht zu Lasten der Produk­ti­ons­för­derung gehen. Denn es hat keinen Zweck, die Produk­ti­ons­för­derung zu schwächen und die Marke­ting­för­derung zu stärken. Sondern es muss im ausge­wo­genen Mitein­ander passieren.

promedia: Sie sagten, dass bei den Produ­zenten nicht ganz so viel vom Erlös ankommt wie von ihnen erhofft. Liegt das an den gerin­geren Erlösen aus den digitalen Vertriebs­wegen?
Aselmann:
Nein. Sie sind noch nicht voll ausge­schöpft, aber für uns sind die Erlöse, die wir aus dem Kino bekommen, entscheidend. Wenn ein Film dort erfolg­reich läuft, aber der Verleih hohe Marke­ting­auf­wen­dungen hatte, dann wird dieser Betrag mit den Kinoein­nahmen verrechnet. Das ist nicht immer in allen Größen­ord­nungen richtig nachvoll­ziehbar. Hier müssen wir Lösungen finden. Denn was nützen uns starke Verleiher, wenn wir keine starken Produ­zenten haben? Die Verleih­branche ist natürlich sehr stark von ameri­ka­ni­schen Partnern dominiert, die selbst­ver­ständlich auch Interesse haben, ihr heimi­sches Produkt in diesem Land unter­zu­bringen. Sie wollen deutschen Content und nehmen gern Marken und Garanten wie Til Schweiger, Matthias Schweig­höfer oder Florian David Fitz. Aber die Anzahl deutscher Stars ist endlich und die Lust deutscher Kinozu­schauer, deutsche Kinofilme zu sehen, ist unendlich. Deshalb müssen wir uns in unseren Inter­essen einander annähern und gemeinsam eine Lösung finden, wie wir mit vertret­barem Aufwand möglichst viele deutsche Filme den Kinobe­su­chern zeigen können und damit Erfolg haben.

promedia: Mit dem DFFF werden seit sechs Jahren jährlich 60 Millionen Euro vom BKM für die Filmpro­duktion zur Verfügung gestellt. Der DFFF wurde verlängert und 2013 sogar aufge­stockt. Wo lag Ihrer Meinung nach sein größter Nutzen?
Aselmann:
Wenn man den Inves­ti­ti­ons­rahmen auf Grundlage der Zahlen bis einschließlich 2011 mal im Ganzen betrachtet, dann haben sich die zweck­ge­bun­denen Mittel des DFFF durch die Aktivi­täten der Produk­ti­ons­wirt­schaft versechs­facht. Das heißt, dass weit mehr als 1,5 Milli­arden Euro im Rahmen der Kinopro­duk­tionen in Deutschland ausge­geben wurden. Das ist doch ein fantas­ti­scher Erfolg und hat neben der oben schon erwähnten Anerkennung inter­na­tional erfolg­reiche Filme wie „Die drei Muske­tiere“, „Cloud Atlas“ oder „Der Vorleser“ und „Barbara“ möglich gemacht. Auch unter dem Gesichts­punkt einer Kultur­för­derung kann ein Land wie Deutschland sehr stolz sein über so viel kreatives Potential und entspricht damit doch dem Bild anderer Jahrhun­derte, wo deutsche Dichter, Denker und Musiker die Gesell­schaften auch außerhalb unseres Landes prägend unter­hielten. Schon diese Künstler waren immer auf die Anerkennung und Förderung ihrer Landes­fürsten, staat­liche Maßnahmen oder Mäzene angewiesen.

promedia: Angenommen, der DFFF wäre nicht verlängert worden, wäre es zu einer Katastrophe der deutschen Filmwirt­schaft gekommen?
Aselmann:
Es hätte die deutsche Filmwirt­schaft zumindest erheblich geschwächt und würde gerade die Talente der kleineren und unabhän­gigen Produk­ti­ons­un­ter­nehmen in ihrer Existenz bedrohen. Es sind immer die letzten 20 Prozent einer Filmfi­nan­zierung, die am schwersten zu generieren sind. Und es sind immer eben die 20 Prozent, die dann aus manchem Kinofilm einen TV-Film machten, weil man unter­fi­nan­ziert zu drehen begann und teure Einstel­lungen oder Tricks sich nicht mehr leisten konnte und damit der Mehrwert für das Kino verloren ging. Diesen Ausgleich schafft heute der DFFF. Das führt dazu, dass wir in einer gewissen Zuver­läs­sigkeit die Kinos mit Programm ausstatten können.

promedia: Zuver­läs­sigkeit kann auch zu Lässigkeit und Routine führen…
Aselmann:
Unser Ansporn muss es doch sein, inhaltlich und visuell weiter stark und vielleicht auch noch besser das Publikum zu bedienen. Der Mehrwert Kino ist seine visuelle Ausge­staltung, seine emotionale Kraft und sein Unter­hal­tungswert. Da kann man sich nicht zurück lehnen und so tun, als hätten wir alles im Griff und müssten uns keine Mühe mehr machen. Ganz im Gegenteil: Unsere Stoff­ent­wick­lungen brauchen Genau­igkeit, Manpower und die Zeit, die man für gute Kinostoff­ent­wick­lungen nun mal benötigt. Wenn man sich das zu eigen macht und phanta­sievoll entwi­ckelt, dann motiviert die Gewissheit, dass man bei der filmi­schen Umsetzung der Ideen diese auch aus Deutschland heraus finan­zieren kann. Und zu dieser Gewissheit trägt der DFFF bei. (JG)

Aus: Promedia Nr. 2/2013, Wiedergabe mit freund­licher Geneh­migung des Promedia-Verlags.