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„Deutschen Animations-Kinofilmen droht, zum Randereignis zu werden“

Im Gespräch mit Peter Dehn von Filmecho/Filmwoche spricht Jan Bonath, Vorsit­zender der Produ­zen­ten­al­lianz-Sektion Animation über die Wettbe­werbs­nach­teile deutscher Anima­ti­ons­pro­du­zenten auf dem inter­na­tio­nalen und dem Heimat­markt und die komplexe Situation deutscher Anima­ti­ons­pro­du­zenten

Das Interview im Wortlaut:

Deutschland – offenes Lizenzland

Gespräch mit Jan Bonath über die Situation der deutschen Anima­ti­ons­branche.

Im europäi­schen Vergleich, vor allem mit Frank­reich, drohen deutsche Anima­tions-Kinofilme zum Rander­eignis zu werden. Die Präsenz der deutschen Branche und ihrer Produkte beim Kopro­duk­ti­ons­markt Cartoon Movie Anfang März war gering wie nie zuvor. Filmecho sprach mit dem Produ­zenten Jan Bonath (Scopas Medien, „Das Sandmännchen – Abenteuer im Traumland“) und Vorsit­zender der Sektion Animation in der Produ­zen­ten­al­lianz.

In Deutschland entstehen immer weniger Anima­ti­ons­ki­no­filme, während mehr Life Action-Filme ins Kino kommen. Hat die Branche ihre Kreati­vität verloren?
Als deutsche Produ­zenten haben wir es mit einer komplexen Situation zu tun. Die Finan­zierung von Film- und Fernseh­pro­duk­tionen basiert wesentlich auf den klassi­schen Finan­zie­rungs­bau­steinen – den Geldern der Sender, der Verleiher und der Förde­rungen. Wenn man sich anschaut, was der wesent­liche Player, das Fernsehen, in Deutschland tut, dann kommen wir auf einen der Missstände.
Der deutsche Markt ist der offenste in Europa. Deutsche Produ­zenten bieten deutschen Sendern im Wettbewerb mit auslän­di­schen Produ­zenten Ware an. Das betrifft Lizenzkauf, ebenso wie Kopro­duk­tionen mit Sendern. Auch ein franzö­si­scher Produzent kann einem deutschen Sender eine Kopro­duktion oder Rechte anbieten. Wenn im Gegenzug ein deutscher Produzent einem franzö­si­schen Sender eine Kopro­duktion vorschlägt, wird zuerst ein franzö­si­scher Kopro­duzent gefordert. Wir haben also nicht die Wettbe­werbs­fä­higkeit, wie franzö­sische Produ­zenten. Das ist auch in anderen europäi­schen Ländern so, übrigens auch in Kanada und Australien.

Das betrifft doch auch Life-Action- Filme … Wie stellt sich das für die Anima­ti­ons­branche dar?
Bei Life Action schlägt das nicht so stark durch, weil der Bedarf des Fernsehens in Deutschland überwiegend durch erkennbar deutschen Content befriedigt wird. Auf vielen Sende­plätzen haben inter­na­tionale Formate gar keinen Platz weil sie vom Publikum nicht angenommen werden. Bei der Animation braucht man deren Lokal­ko­lorit aber überhaupt nicht.

Gibt es Unter­schiede zwischen den Privaten und den Öffentlich-recht­lichen?
SuperRTL und Nickel­odeon sind Abspiel­sta­tionen von auslän­di­schen Besitzern und haben eine hohe Quote des von den auslän­di­schen Gesell­schaftern gelie­ferten Programms zu senden. Da hat man viel Geld in die Hand genommen und will das durch Ausstrah­lungen seiner anderswo herge­stellten Filme und Serien in Deutschland refinan­zieren. Die Propor­tionen zwischen lokalen Content und auslän­di­schen bei den Privaten sind ebenfalls zu kriti­sieren. Dem ist, so fürchte ich, auf Grund des privat­wirt­schaft­lichen Status dieser Sender noch schwerer beizu­kommen. Bei den Öffentlich-recht­lichen und ihrer Finan­zierung aus Gebühren müsste es eigentlich eine andere Tendenz geben: Eine freiwillige Kompo­nente, ein Anteil frei generierter deutscher Ware. Hier gibt es auf EU-Ebene sogar eine entspre­chende Richt­linie, die in den Nachbar­ländern konse­quent angewendet wurde, in Deutschland jedoch als Empfehlung inter­pre­tiert wird, an die sich keiner zu halten braucht. Fragt man die Sender, heißt es: So wie es ist, ist es gut für uns. Wir haben keine Motivation, das zu ändern. Auf kultu­reller Ebene wirkt sich das Problem aber so aus: Da werden lieber Palmen­strände gezeigt und exotische Protago­nisten. Das hat nicht viel damit zu tun, was ein Kind in Deutschland im Alltag erlebt.

Unterm Strich: Die Gebüh­ren­gelder für den Anima­ti­ons­be­reich werden überwiegend im Ausland ausge­geben. Muss das sein?
Unsere letztes Jahr erschienene Studie stellt fest: Von den Erstaus­strah­lungen beim Ki.Ka sind gerade mal 9,8 Prozent (inklusive der Wieder­ho­lungen 18,2 Prozent) deutschen Ursprungs. Alles andere ist zugekaufte Lizen­zware oder direkte Sender­be­tei­ligung.

Was hat das mit den Kino-Anima­tionen zu tun?
Das Fernsehen ist ja auch die Grundlage für die Kinofilm-Finan­zierung. Daher stelle ich das heraus. Ein auf einer Fernseh­serie basie­render Kinofilm hat ein höheres Potenzial in der Auswertung. Wenn der Stoff schon bekannt ist, muss die Vermark­tungs­ma­schine im Bereich Kino weniger in die Marken­bildung inves­tieren. Das beschleunigt die Refinan­zierung. Im anderen Fall ist es oft so, dass Marketing und Werbung für unbekannte Stoffe teurer sind als das Herstel­lungs­budget.

Können die deutschen Produ­zenten im Marketing-Rennen überhaupt mit den US-Majors mithalten?
Das kann man so nicht sagen. Wenn ein ameri­ka­ni­scher Major einen Stoff wie „Ich, einfach unver­bes­serlich“ in den Markt drückt, den überhaupt niemand kennt und dessen Titel nahezu unaus­sprechbar ist, tun sie das mit unglaublich viel Marke­tinggeld. Der Marke­ting­druck hat sich dort gelohnt. Dafür stehen den Majors die Rechte weltweit zu Verfügung. Sie können mit einer Misch­kal­ku­lation das Risiko nach unten fahren.
Ein deutsches Projekt mit deutschen Inhalten hat eher geringe Poten­ziale für den Weltver­trieb und die Refinan­zierung ist fast komplett auf Deutschland abgestellt. Dafür sind die Marke­ting­gelder nicht so hoch, aber sie müssen zurück­ver­dient werden. Deutsche Projekte sind also mit dem Marke­ting­druck, den sie entfalten können, schlechter ausge­stattet als ameri­ka­nische. Wenn der Wettbe­werbs­nachteil im TV dazu kommt – dann hat das auch Auswir­kungen auf die Kinopro­duktion.
Die deutsche Anima­ti­ons­in­dustrie macht etwa drei bis vier Filme im Jahr. Dass nicht mehr möglich ist, liegt nicht an fehlenden Kapazi­täten. Die wirtschaft­liche Grundlage dafür fehlt. Die Betei­ligung der Sender ist oft notwendig, um ein Thema überhaupt markt­tauglich zu machen.

Wir haben aber bei den Förde­rungen die Kopplung an die Kopro­duktion?
Nehmen wir „Der kleine Prinz“, eine von einem franzö­si­schen Produ­zenten herge­stellte hochwertige Anima­ti­ons­serie – Weltli­te­ratur. Die hat der WDR gekauft. Kein einziger deutscher Produzent war beteiligt. Es soll auch einen Kinofilm geben. Die franzö­si­schen Produ­zenten holen sich für die Serie Geld direkt vom deutschen Sender. Deutsche Förder­gelder wären sogar eine Behin­derung. Dann dürfte der Sender die Rechte nur für fünf oder sieben Jahre erwerben. Er will sie aber unbegrenzt. Daher stellt sich die Frage nach den deutschen Förde­rungen überhaupt nicht.

Wie spiegelt sich die Situation der deutschen Branche bei Cartoon Movie wider?
Was Animation angeht ist Deutschland Wüste. Da wachsen Kakteen – und ab und zu gibt’s mal ne Blüte. Wenn wir das mit Frank­reich vergleichen – da vergleichen wir die Sahara mit dem Amazonas-Urwald. In Deutschland wirken zwei Kompo­nenten: Das Kinder­pro­gramm steht unter Preis­druck und Deutschland ist im Gegensatz zu allen anderen ein offener Markt. Das sind schlechte Bedin­gungen für einen Businesscase, der für Anima­ti­ons­pro­du­zenten inter­essant ist.
Cartoon Movie wird überwiegend von franzö­si­schen Produ­zenten besucht. Wenn ich einen franzö­si­schen Kopro­du­zenten suche, gehe ich dorthin. Weil die meisten andere Lösungen suchen, gibt es kaum einen Grund für deutsche Produ­zenten, nach Lyon zu kommen. Ich treffe die für mich wichtigen Leute auf der MIP in Cannes oder beim Trickfilm Festival in Stuttgart, das hat einen besseren Mix.
Peter Dehn

Aus: Filmecho/Filmwoche Nr. 12 vom 23.3.2012, S. 34/35 / Wiedergabe mit freund­licher  des Verlags Horst Axtmann GmbH