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„Erlöse der Produzenten stagnieren – die Hoffnungen ruhen auf digitalen Plattformen“

Das Interview im Wortlaut:

„Der Erfolg kommt bei uns Produzenten nicht an“

Interview mit Alexander Thies, Vorstands­vor­sit­zender der Allianz Deutscher Produ­zenten und Geschäfts­führer der NFP

Die Produ­zen­ten­al­lianz reprä­sen­tiert eine Industrie mit schät­zungs­weise grob 4 Milli­arden Euro Umsatz. Die Verän­de­rungen durch die Digita­li­sierung tangieren die Produ­zenten auch finan­ziell: Die Erlöse stagnieren. Die neuen Medien können die Ausfälle bei den klassi­schen Vertriebs­wegen nicht ausgleichen. Um so wichtiger sind Förde­rungen, wie der DFFF, der 2012 ausläuft. „Der DFFF ist in Deutschland zu einem essen­zi­ellen Finan­zie­rungs­bau­stein geworden, dessen Wegfall die Stabi­lität des ganzen Systems gefährden würde“, so der Vorsit­zende der Produ­zen­ten­al­lianz Alexander Thies gegenüber promedia. Um sich über Video-on-Demand neue Einnah­me­quellen erschließen zu können, fordern die Produ­zenten eine größere Flexi­biliät bei der Kinoaus­wertung: „Deshalb sollte das neue FFG auch neue Verwer­tungs­ab­folgen möglich machen und auf keinen Fall allzu starre Regelungen vorgeben“ fordert Thies.

promedia: Herr Thies, Sie feierten auch in diesem Jahr wieder ein rauschendes Produ­zen­tenfest. Was gibt es für Sie zu feiern? So berau­schend sind weder Kinobe­su­cher­zahlen, noch Umsätze, noch inter­na­tionale Preise?
Thies:
Ich würde unser Produ­zen­tenfest wirklich nicht „rauschend“ nennen. Der Glamour kam von unseren Gästen, und darüber sind wir sehr froh. Abgesehen davon steht für uns beim Produ­zen­tenfest etwas vollkommen anderes als Feiern im Vorder­grund. Die Produ­zen­ten­al­lianz reprä­sen­tiert eine Industrie mit schät­zungs­weise grob 4 Milli­arden Euro Umsatz, die Produk­tionen unserer Mitglieder werden täglich von Millionen Menschen gesehen. Bis auf die Schau­spieler ist die Branche aber unsichtbar. Mit dem Produ­zen­tenfest zeigen wir der breiten Öffent­lichkeit, wer wir sind und dass es uns gibt. Und: Wir bringen die Filmleute mit denen zusammen, die im komplexen Bezie­hungs­ge­flecht von Länder- und Bundes­po­litik, Sendern, Verwal­tungen und Förde­rungen auf die eine oder andere Weise wichtig für unsere Branche sind.

Dass die Zahlen der Kinobe­sucher oder inter­na­tio­naler Preise für deutsche Filme nicht „berau­schend“ sind, ist korrekt. Aber sie sind solide. Wir hatten 2011 knapp 30 Millionen Kinobe­sucher, das sind weniger als die knapp 40 Millionen im Rekordjahr 2009. Durch­schnittlich 25 Millionen Besucher in den letzten sechs Jahren ist im Vergleich zu früher aber eine Stabi­li­sierung auf hohem Niveau. An inter­na­tio­nalen Preisen gab es in diesem Jahr zum Beispiel die zweite Goldene Palme in drei Jahren für eine X-Filme- Produktion, einen Oscar für Pixomondo für die Visual Effects bei „Hugo“, und gerade haben sechs deutsche Produk tionen beim Fernseh­fes­tival in Monte Carlo Preise gewonnen, darunter die Goldene Nymphe für den besten Fernsehfilm „Der letzte schöne Tag“. Das ist nicht so schlecht, finde ich. Die Entwicklung der Umsätze – gerade in der Fernseh­pro­duktion – ist aller­dings tatsächlich nicht „berau­schend“, um Ihren Ausdruck zu benutzen. Die Budgets bei Auftrags­pro­duk­tionen und die Kopro­duk­ti­ons­an­teile bei Kinofilm­pro­duk­tionen sinken, während mit unseren Werken immer mehr Gewinne gemacht und zuver­lässig täglich viele Millionen Zuschauer erreicht werden. Der Erfolg kommt bei uns Produ­zenten nicht an, im Gegenteil: Die Erlöse für uns Produ­zenten stagnieren, dabei sollten sie steigen.

promedia: Die Filmför­derung von Bund und Ländern beträgt jährlich mehr als 300 Millionen Euro. Warum gelingt es den deutschen Produ­zenten nicht, sich von Förder­mitteln unabhän­giger zu machen?
Thies:
Unsere Filme müssen auf dem deutsch­spra­chigen Kinomarkt mit inter­na­tio­nalen Großpro­duk­tionen konkur­rieren, die mit einem vielfachen unserer Budgets herge­stellt werden. Deshalb müssen auch unsere Filme nach etwas aussehen. Für die zuver­lässige Refinan­zierung aller Filme ist unser Markt aber zu klein.

Diese Lücke füllen die Filmför­de­rungen aus. Übrigens gibt es weltweit für fast alle Filmin­dus­trien Subven­tionen, sogar in den USA existieren verschiedene Formen von Filmför­de­rungen. Der DFFF hat den Erfolg unserer Filme beim Kino- und Video­pu­blikum gestärkt. Natürlich muss es mit dem DFFF im Rücken jetzt auch darum gehen, unseren Anteil an dieser gestärkten Wertschöpfung zu vergrößern.

promedia: Welche Konse­quenzen hätte ein Aus des DFFF?
Thies:
Der DFFF ist ja seinerzeit nicht einge­führt worden, um die wirtschaft­liche Lage der Produ­zenten zu verbessern, sondern um den Filmstandort Deutschland in seiner Gesamtheit zu stärken und inter­na­tional konkur­renz­fähig zu machen. Die Konse­quenzen bei einem Aus würden also weit über die Produ­zenten hinaus gehen, und sie wären drama­tisch. Inter­na­tionale Kopro­duk­tionen, die heute als deutsche Kopro­duk­tionen bei uns durch­ge­führt werden, würden in die Länder abwandern, in denen es DFFF-ähnliche Produk­ti­ons­an­reize gibt – von Tsche­chien bis Kanada.

Und auch viele deutsche Produk­tionen würden wie in der Vergan­genheit wieder im Ausland gedreht, wenn die Möglichkeit, den Kosten­un­ter­schied auszu­gleichen, wegfiele. Der DFFF hat 2011 mit knapp 60 Mio. Euro in Deutschland Inves­ti­tionen von knapp 340 Mio. Euro ausgelöst, an denen Gesamt­her­stel­lungs­kosten von einer knappen halben Milliarde Euro hängen. Damit wurden Filme gemacht, Gagen und Löhne bezahlt, Studios ausge­lastet.

So effektiv der DFFF mit diesem Verhältnis zwischen Anreiz und Wirkung ist, so fatal wären die Auswir­kungen auf die gesamte hiesige Filmwirt­schaft, würde er abgeschafft. Der DFFF ist in Deutschland zu einem essen­zi­ellen Finan­zie­rungs­bau­stein geworden, dessen Wegfall die Stabi­lität des ganzen Systems gefährden würde.

promedia: Welche Hoffnungen setzen Sie hier auf neue digitale Platt­formen deren Start geplant ist, wie Google, Hulu, Netflix?
Thies:
Natürlich zusätz­liche Erlöse. Dabei ist uns aber klar, dass hier die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Nur mit vernünf­tigen Preis­mo­dellen können überhaupt Zusatz­erlöse generiert werden können. Mit Preisen, die die Verbraucher abschrecken, würden überhaupt keine Erlöse entstehen. Deswegen sind wir an vernünf­tigen Geschäfts­mo­dellen inter­es­siert und wollen diese auch mitent­wi­ckeln. Ob alle, die es angekündigt haben, wirklich in den deutschen Markt eintreten, scheint mir noch nicht ganz ausge­macht zu sein. In jedem Fall beginnt der Wettbewerb in Deutschland sehr spät, wird aber aller Voraus­sicht nach intensiv werden.

promedia: Die Produ­zen­ten­al­lianz gehörte mit zu den Geburts­helfern von „Germany’s Gold“. Wie groß wird der Nutzen für die Produ­zenten sein?
Thies:
Wir gehören nicht nur zu den Geburts­helfern von „Germany‘s Gold“, einzelne Produ­zen­ten­al­lianz-Mitglieder sind auch als Gesell­schafter aktiv. Mit „Germany‘s Gold“ sollen erfolg­reiche deutschen Produk­tionen verwertet werten, von denen viele als Auftrags­pro­duk­tionen von unseren Mitgliedern herge­stellt worden. Mit ARD und ZDF haben wir in der Vergan­genheit bereits grund­sätz­liche Verein­ba­rungen darüber getroffen, dass die Produ­zenten an den Erlösen aus der gemein­samen Verwertung bei „Germany‘s Gold“ beteiligt werden – ein schöner Erfolg für die Produ­zen­ten­al­lianz.

promedia: Sehen Sie Chancen, bei einer besseren Vergütung für die digitale Nutzung in Verhand­lungen mit ARD und ZDF sowie den privaten Sendern weiter zu kommen?
Thies:
Die Verhand­lungen mit den privaten Sendern gestalten sich als schwierig. Die Sender­gruppen ProSieben und RTL verweigern sich bei unseren Betei­li­gungs­an­sprüchen im Bereich der Auftrags­pro­duktion hartnäckig. Wir würden uns freuen, wenn wir hier in den kommenden Monaten die bereits begonnen Gespräche fortsetzen und zu einem Erfolg führen könnten. Mit ARD und ZDF waren die Verhand­lungen erfolg­reich und haben zu Betei­li­gungs­an­sprüchen der Produ­zenten geführt. Dass wir uns Modelle wünschen, in denen die Produ­zenten Rechte von den Sendern zurück­er­halten bzw. nicht erst verpflichtet werden, diese zu übertragen, ist kein Geheimnis. Die Verhand­lungen werden hier unter dem Stichwort „Terms of Trade“ seit Jahren geführt und werden uns auch in Zukunft begleiten. Rechte bedeuten Erlös­mög­lich­keiten, und diese Erlös­mög­lich­keiten brauchen die Produ­zenten, um neue, inter­es­sante Projekte für das Publikum, also den Zuschauer und den Inter­net­nutzer, zu entwi­ckeln.

promedia: Wo liegen haupt­sächlich die Probleme?
Thies:
Das Haupt­problem der VoD-Platt­formen liegt in der Frage der Akzeptanz der Vergü­tungs­mo­delle. Viele Nutzer sind daran gewöhnt, urheber­rechtlich geschützten Content im Netz von illegalen Quellen kostenlos zu bekommen. Wir glauben aber, dass sie bereit sind, dafür zu bezahlen, wenn die Angebote trans­parent und verlässlich sind, bei einfachen Bezahl­sys­temen Leistung und Gegen­leistung wieder in Einklang bringen und schließlich die Kosten überschaubar sind. Wenn in den Politik zum Teil der Vorwurf geäußert wird, die Filmund Fernseh­wirt­schaft würde keine vernünf­tigen Geschäfts­mo­delle entwi­ckeln, dann ist dies – vornehm ausge­drückt – unzutreffend, deutlicher ausge­drückt: blanker Unsinn. Gerade die verschie­denen Verwer­tungs­stufen im Film- und Fernseh­be­reich und auch die Einbe­ziehung von Werbe- und Pay-finan­zierten Angeboten in den VoD-Bereich zeigen, dass es vernünftige Geschäfts­mo­delle gibt.

promedia: Müssten dennoch nicht nur das Kino, sondern auch Platt­formen künftig gefördert werden?
Thies:
Zunächst sollten wir festhalten, dass auch unsere Filme wichtige Treiber der Geschäfts­mo­delle der Platt­formen sind. Die Produ­zen­ten­al­lianz stellt sich deswegen klar hinter die Forderung im Rahmen der FFG-Novel­lierung, dass auch Platt­form­be­treiber in die FFA einzahlen.

promedia: Müsste dafür aber nicht – wie in Frank­reich – die Kinoaus­wertung noch stärker flexi­bi­li­siert werden, damit die Filme schneller auch in VoD-Platt­formen erhältlich sind?
Thies:
Ja, deshalb setzen wir uns ja auch für eine weitere Flexi­bi­li­sierung der Sperr­fristen ein. Die Konsu­menten wollen aktuelle Filme möglichst schnell auch über Video-on-Demand, deshalb sind illegale Angebote ja so erfolg­reich. Legale Alter­na­tiven würden einen Großteil der Internet- Piraterie austrocknen. Wenn man aber darüber nachzu­denkt, inwieweit die tradi­tio­nellen Fenster noch erfor­derlich und zeitgemäß sind, muss man auch auf die berech­tigten Sorgen der Kinotheater eingehen, die befürchten, eine zu frühe Verfüg­barkeit könne die Attrak­ti­vität des Kinos als primärem Abspielort von Kinofilmen gefährden. Diese Abhän­gig­keiten müssen noch näher unter­sucht werden, deshalb sollte das neue FFG zumindest testweise auch neue Verwer­tungs­ab­folgen möglich machen und auf keinen Fall allzu starre Regelungen vorgeben. Es darf nicht passieren, dass für deutsche Produk­tionen während der FFGLaufzeit von fünf Jahren innovative Verwer­tungs­mo­delle unmöglich gemacht werden, während auslän­dische Filme hier keinerlei Restrik­tionen unter­worfen wären und – so meine Vermutung – schon bald auch wegen der Pirate­rie­pro­ble­matik tenden­ziell auf frühere VoD Starts übergehen werden. Das würde zu einer erheb­lichen Benach­tei­ligung deutscher Produk­tionen sowohl bei der kommer­zi­ellen VoD-Verwertung wie auch bei dem Bemühen bedeuten, der illegalen Nutzung im Internet durch attraktive legale Angebote entge­gen­zu­wirken.

promedia: Die Online-Piraterie belastet die Produ­zenten. Eine wirksame Lösung wird es wohl in dieser Legis­la­tur­pe­riode nicht geben. Werden neue Geschäfts­mo­delle und VoD-Platt­formen das Problem lösen?
Thies:
Inwieweit die Politik noch in dieser Legis­la­tur­pe­riode Maßnahmen zum Schutz des geistigen Eigentums im Internet ergreift, bleibt abzuwarten. Wir gehen aber davon aus, dass das Bundes­jus­tiz­mi­nis­terium noch vor der Sommer­pause Vorschläge zur Verbes­serung des urheber­recht­lichen Auskunfts­an­spruchs vorlegen wird.Da die Online-Piraterie insbe­sondere im Filmbe­reich in verschie­denen Formen auftritt, sind zu ihrer Eindämmung auch eine Reihe unter­schied­licher Maßnahmen erfor­derlich. Da es sich hierbei um komplexe Themen handelt, erwarten wir, dass uns dieses Thema auch über die jetzige Legis­la­tur­pe­riode hinaus beschäf­tigen wird.

promedia: Müsste die Filmför­derung, auch die der FFA, nicht auch digitale und multi­me­diale Projekte fördern, da hier die Zukunft liegt. Warum diese Fixierung der Produ­zen­ten­al­lianz auf die reine Spielfilm- oder Dokumen­tar­film­för­derung?
Thies:
Ich würde nicht von einer Fixierung der Produ­zen­ten­al­lianz sprechen, wir sind nur realis­tisch. Die Mittel des FFG sind begrenzt. Eine zu große Zersplit­terung der Förder­be­reiche, die in der Vergan­genheit zum Teil durchaus beobachtet werden konnte, führt nicht zu einer Stärkung, sondern eher zu einer Schwä­chung der gesamten Förder­maß­nahmen. Außerdem werden die FFA-Mittel von den Nutzern klassi­scher Produk­ti­ons­formen aufge­bracht, nicht von Games-Produ­zenten und -verwertern oder den Herstellern sonstiger multi­me­dialer Projekte. Das schließt natürlich nicht aus, im Rahmen der Förderung des Vertriebs auch innovative Verwer­tungs­formen, die neue Einkom­mens­mög­lich­keiten erschließen können, zu unter­stützen. (HH)

Aus: Promedia Nr. 7/2012, Wiedergabe mit freund­licher Geneh­migung des Promedia-Verlags.