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Mathias Schwarz: „Deutschland eines der fachlich besten Produktionsländer der Welt“

Im Gespräch mit Filmecho|Filmwoche über den DFFF sagte Prof. Dr. Mathias Schwarz, Geschäfts­führer der Sektion Kino der Produ­zen­ten­al­lianz, neben den gewünschten Beschäf­ti­gungs- und Ausga­ben­ef­fekten habe Profes­sio­na­lität und hohe Qualität der deutschen Produk­ti­ons­dienst­leister vom Deutschen Filmför­der­fonds (DFFF) profi­tiert. Heute gelte Deutschland als eines der fachlich besten Produk­ti­ons­länder der Welt. DFFF-Mittel hätten „praktisch Eigen­ka­pi­tal­cha­rakter“ und ersetzten teilweise das leider in der Breite immer noch fehlende Eigen­ka­pital der Produ­zenten. Die beste Voraus­setzung für die Stärkung des Eigen­ka­pitals seien erfolg­reiche Filme: „In diesem Jahr ist es gelungen, 13 Besucher­mil­lionäre auf die Leinwand zu bringen. Der DFFF hat dazu wesentlich beigetragen.“

Das Interview im Wortlaut:

Medien-Fachanwalt Prof. Mathias Schwarz über das deutsche Förder­system.

DFFF bringt den Markt voran

Nicht nur Kultur­staats­mi­nister Bernd Neumann sieht den 2007 einge­führten und mit 60 Millionen Euro jährlich ausge­stat­teten Deutschen Filmför­der­fonds (DFFF) als Erfolgs­modell. Seither wurde mit etwa 164,3 DFFFMil­lionen ein „German Spend“ von mehr als einer Milliarde Euro angeschoben. Produ­zenten und Filmschaf­fende „revan­chierten“ sich mit einem Markt­anteil von 26,6 Prozent im Jahr 2008. Die Statistik für 2009 könnte diesen Rekord toppen.

Vor der 2010 begin­nenden zweiten dreijäh­rigen Laufzeit stand eine Evalu­ierung des DFFF. Verän­derte Verga­be­richt­linien sollen zum Jahres­beginn – vorbe­haltlich der Zustimmung  der EU – in Kraft treten. Über den DFFF sprach Filmecho mit Prof. Dr. Mathias Schwarz. Der Münchener Medien-Fachanwalt ist Geschäfts­führer der Sektion Kino der Allianz Deutscher Produ­zenten – Film & Fernsehen.

Der Deutsche Filmför­der­fonds geht 2010 in die zweite Runde. Was hat der DFFF für die deutsche Kino-Produk­ti­ons­land­schaft gebracht?
Der DFFF hat die ihm gesetzten Ziele erfolg­reich absol­viert. Es gelang, inter­na­tionale Produk­tionen nach Deutschland zu holen. Sie kamen insbe­sondere nach Berlin, aber auch verstärkt in andere Regionen. Das hat zum Einen die gewünschten Beschäf­ti­gungs- und Ausga­ben­ef­fekte bewirkt. Zum Anderen konnten die Profes­sio­na­lität und hohe Qualität der deutschen Produk­ti­ons­dienst­leister profi­tieren. Heute gilt Deutschland als eines der fachlich besten Produk­ti­ons­länder der Welt.
Zum Zweiten hat die automa­tische Förderung dazu beigetragen, dass die Budgets deutscher Kinofilme stiegen. Damit wurde ein höherer Quali­täts­standard erreichbar, der sich – davon bin ich überzeugt – nicht nur einmalig, sondern als konti­nu­ier­licher Erfolg der deutschen Filme nieder­schlägt.

Gibt es einen ursäch­lichen Zusam­menhang zwischen der Höhe der Budgets und der Qualität der Filme? Kann eine automa­tische Förderung wie die des DFFF nicht auch einen gegen­tei­ligen Effekt erzeugen?
In den Budget­re­gionen deutscher Produk­tionen gibt es eine sehr hohe Korre­lation zwischen zusätz­lichen Mitteln des DFFF und höherer Qualität im Sinne eines höheren Zuschauer-Appeals, eines höheren Screen Values. Zu Beginn des DFFF hatten wir Budgets von durch­schnittlich 3,5 Millionen Euro. Kann hier das Budget um 500 000 Euro
aufge­stockt werden, hilft das, einen besseren Value für die Zuschauer zu erreichen. Natürlich nicht zwingend. Auch bei Filmen mit gerin­gerem Budget, deren Geschichten oder Erzähl­formen als solche wunderbar sind, bewirkt diese zusätz­liche Finan­zierung eine höhere Bildqua­lität, durch die größere Zahl von Zuschauern erreicht werden kann. So sind diese zusätz­lichen Mittel in der Breite sicherlich ein Grund dafür, dass mehr Zuschauer als früher in deutsche Filme gehen.

In die Evalu­ierung der DFFF-Richt­linien wurde hinein­ge­tragen, das Mindest­budget anzuheben: Mehr Fördergeld für weniger Filme bei gleicher Größe des Topfes. Würde das die Qualität stimu­lieren oder geht das auf Kosten der Breite des Filmschaffens?
Es wird immer wieder einmal die Meinung vertreten, dass es zu viele deutsche Filme gebe, die sich dann schwer tun, sich am Markt die erfor­der­liche Aufmerk­samkeit zu verschaffen. Anderer­seits sind die DFFF-Mittel, die an Filme mit Budgets von einer oder zwei Millionen Euro gehen, im Verhältnis zu den Gesamt­mitteln des DFFF jedoch gering. Durch eine Anhebung der Budget­größe könnte man deshalb nur wenige Mittel umver­teilen. Die Entscheidung, die Mindest­bud­get­grenze nicht anzuheben, war aus meiner Sicht richtig: Einmal weil auch unter diesen „kleinen“ Filmen immer mal wieder eine Perle ist. Und weil sich die Breite des Filmschaffens gerade auch in diesen kleineren Filmen verwirk­licht.

Das Sorgenkind der Produ­zenten ist nach wie vor die Eigen­ka­pi­ta­li­sierung. Konnte der DFFF zu einer Stärkung der Produ­zenten beitragen?
Die als Zuschuss in Höhe von 16 Prozent auf den German Spend gewährten Mittel haben praktisch Eigen­ka­pi­tal­cha­rakter. Sie ersetzen damit teilweise das leider in der Breite immer noch fehlende Eigen­ka­pital der Produ­zenten. Die beste Voraus­setzung für die Stärkung des Eigen­ka­pitals sind erfolg­reiche Filme. In diesem Jahr ist es gelungen, 13 Besucher­mil­lionäre auf die Leinwand zu bringen. Der DFFF hat dazu wesentlich beigetragen. Und somit auch dazu, dass deren Produ­zenten Eigen­ka­pital aus den erwirt­schaf­teten Gewinnen bilden können.

Konnte der DFFF den Produ­zenten durch die Krise helfen – auch angesichts der Zurück­haltung der Banken? Sind andere Hebel – zum Beispiel eine Filmbank – als zusätz­liches Instrument der Filmfi­nan­zierung sinnvoll?
Das wäre bestimmt sinnvoll. Der DFFF kann nur die 16 Prozent des German Spend darstellen. Die übrigen 84 Prozent müssen weiterhin finan­ziert werden. Das geschieht zum Teil über Zwischen­fi­nan­zie­rungen bei den Banken. Die Bereit­schaft einer ganzen Reihe von Insti­tuten, in diesem Sektor Finan­zie­rungen zu ermög­lichen, ist heute nicht mehr festzu­stellen. Es muss also zum Einen darüber nachge­dacht werden, wie man die Bereit­schaft zur Zwischen­fi­nan­zierung verbessern kann. Zum Anderen müssen intel­li­gente Wege gefunden werden, um in einem gewissen Risiko­be­reich Finan­zie­rungen zu ermög­lichen und damit über die fortbe­stehende Eigen­ka­pi­tal­schwäche der Produ­zenten hinweg­zu­helfen.

Die Premie­renzahl deutscher (Ko-)Produktionen stieg zwischen 2003 und 2008 drama­tisch. Immer öfter ist vom Overscreening die Rede – eine Angebots-Überfülle könnte Erlös­mög­lich­keiten blockieren. Kann und sollte der DFFF dem begegnen? Ist so ein Gedanke in die verän­derten Richt­linien aufge­nommen worden?
Ich sehe den Anstieg der deutschen Produk­tionen nicht als „drama­tisch“ an, weil wir gleich­zeitig von einem Zuschau­er­anteil von um die zehn Prozent hochge­kommen sind
auf rund 27 Prozent. Die Zahl der Kinostarts deutscher Filme hat aber nicht im gleichen Verhältnis zugenommen. Richtig ist jedoch: Am Markt tun sich deutsche Filme, wie auch europäische Filme und ameri­ka­nische abseits des Mainstreams schwer. Es gelingt ihnen oft nicht, eine allge­meine Aufmerk­samkeit der Öffent­lichkeit zu gewinnen. Durch eine Anhebung der Kopien­zahlen dazu beizu­tragen, dass kleine Filme, die für einen Start mit nur zehn oder 15 Kopien durchaus geeignet erscheinen, nicht mehr in den Genuss des DFFF kämen, wäre jedoch sehr hart. Das führte zu einer weiteren Verengung des Angebots auf den Mainstream. Deshalb habe ich volles Verständnis dafür, dass in den neuen Richt­linien eine Änderung nicht vorge­sehen ist und es bei den bishe­rigen Kopien­zahlen bleibt.

In den DFFF-Richt­linien ist bisher pauschal von „Kopien“ die Rede, praktisch wurde von 35-Milli­meter-Kopien ausge­gangen. Kosten­günstige Digital­kopien könnten den Trend zum „Amphi­bi­enfilm“ fördern. Erfordert die Kinodi­gi­ta­li­sierung da nicht eine Präzi­sierung der Richt­linien?
Ist glaube nicht, dass dieses Thema mit dem Amphi­bi­enfilm zusam­men­hängt. Damit solche Filme überhaupt DFFF-Förderung erhalten können, müssen sie nach der neuen Richt­linie einen Kinostart mit 200 Kopien nachweisen. Das mag in der Definition an den analogen Kopien orien­tiert sein. Aber eine Änderung kann man unschwer umsetzen, wie es das FFG bereits getan hat. Zum Beispiel in der Weise, dass der Einsatz mit durch­ge­hender Bespielung eines Kinos über sieben Tage in einer Woche erfolgen muss. So kann man sehr deutliche Abgren­zungen zu origi­nären Fernseh­pro­duk­tionen bewerk­stel­ligen. Ich bin deshalb nicht besorgt, dass die Grenze zum Amphi­bi­enfilm verwischt wird.

In welche Richtung sollten die Filmför­de­rungen des Bundes und der Länder weiter entwi­ckelt werden? Kann der DFFF dabei eine Vorbild­rolle übernehmen?
Der DFFF ist sicher ein Vorbild. Das zeigt sich schon dadurch, dass er in Europa von einer Reihe anderer Länder kopiert wurde. Die automa­tische Förderung gibt eine Sicherheit, die Mittel des DFFF auszu­schöpfen. Das ist ein wichtiger Baustein – aber eben nur einer.
Die FFG-Referenz­för­derung, die leider durch die letzte FFG-Novelle erheblich gekürzt wurde, ist ein weiteres wichtiges Element. Referenz­mittel haben in Ergänzung zum DFFF den Vorteil, dass sie flexibler einge­setzt werden können, auch für späte Löcher in der Finan­zierung oder bei Kosten­über­schrei­tungen. Die Projekt­film­för­derung ist ein weiterer Baustein, um Projekte, die in der Planungs­phase Unter­stützung brauchen, befördern zu können. Die noch nicht existie­renden Hilfen bei der Schließung von Finan­zie­rungen – zum Beispiel über die KfW – würden es erleichtern, die Filmfi­nan­zierung in Deutschland in einer Weise abzurunden und krisenfest zu machen, wie es etwa in Frank­reich schon heute der Fall ist.

Das Ausland bleibt nicht untätig. Es gibt in z. B. in Ungarn und Tsche­chien neuartige Förder­hebel. Ungarn und Frank­reich schaffen Studio-Kapazi­täten. Wie gehen die verän­derten Richt­linien auf diese Entwick­lungen ein?
Im Wettbewerb mit anderen Produk­ti­ons­ländern und anderen Förder­sys­temen in Europa muss man die Entwicklung verfolgen. Für die ameri­ka­ni­schen Produk­tionen, die nach Europa kommen, spielt auch der Wechselkurs eine wichtige Rolle. Darauf kann man durch Förde­rungen nur begrenzt reagieren. Die hierdurch bewirkten Verschie­bungen sind teilweise kolossal. Innerhalb Europas ist es sehr wichtig, dass wir die Förderung nach dem FFG wieder auf stabile Beine stellen, um diese Mittel wieder gesichert in Anspruch nehmen zu können. Nachteile gegenüber dem Ausland bestehen auch bei der Höhe der finan­zi­ellen Betei­li­gungen der Sender, die sich an Kinopro­duk­tionen betei­ligen. Die neu gefassten DFFF-Richt­linien gehen auf die Erfor­der­nisse inter­na­tio­naler Drehpla­nungen auch ein, indem der Auslandsdreh deutscher Produk­tionen jetzt mit 40 statt 30 Prozent der Kosten anerkannt wird.
Peter Dehn

Aus: Filmecho|Filmwoche 01/2010 vom 8. Januar 2010, Seiten 36/37. Wiedergabe mit freund­licher Geneh­migung der Verlages Horst Axtmann GmbH, Wiesbaden