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Uli Aselmann: „Die Luft wird dünner“

Im Interview mit Blickpunkt:Film (Ausgabe 45/12 vom 5. November) sagt Uli Aselmann, stell­ver­tre­tender Vorsit­zender des Produ­zen­ten­al­lianz-Gesamt­vor­stands, der angezogene Wettbewerb sei durch die damit notwen­digen und steigenden Stoff­ent­wick­lungs­kosten für kleinere Betriebe zu einem Problem geworden, weil sie mit einer dünnen Kapital­decke und einge­schränkten Kredit­linien gegenüber den Unter­nehmen mit finanz­starken Gesell­schaftern im Nachteil seien. „Es ist abzusehen, dass einige Firmen klamm­heimlich vom Markt verschwinden werden.“

Das Interview im Wortlaut:

„Die Luft wird dünner“

München – Laut einer Studie hat die Zahl der Produk­ti­ons­firmen deutlich zugenommen. Entspre­chend gesunken ist das durch­schnitt­liche Produk­ti­ons­vo­lumen. Konzern- und Sender­töchter dominieren den Markt. Uli Aselmann (Die Film GmbH), Vorstands­mit­glied der Produ­zen­ten­al­lianz, beschreibt die Risiken für unabhängige Unter­nehmen.

Die Anzahl der Produk­ti­ons­firmen ist gestiegen. Anlass zur Sorge?
Der Kuchen wird wahrscheinlich nicht größer. Wir sind also an einer Schwelle angelangt, die die Überle­bens­qua­lität insbe­sondere der kleineren und unabhän­gigen Unter­nehmen nicht verbessert. Es ist kaum noch möglich, sich als neue unabhängige Produk­ti­ons­firma mit mittel­fris­tiger Perspektive am Markt zu etablieren. Der angezogene Wettbewerb ist durch die damit notwen­digen und steigenden Stoff­ent­wick­lungs­kosten für kleinere Betriebe zu einem Problem geworden, weil sie mit einer dünnen Kapital­decke und einge­schränkten Kredit­linien gegenüber den Unter­nehmen mit finanz­starken Gesell­schaftern im Nachteil sind.

Wie lange können kleine Firmen noch überleben?
Das kann ich nicht beant­worten. Mir ist es generell ein Rätsel, wie man sich über Wasser halten kann, wenn man nur alle ein, zwei Jahre einen Kino- oder Fernsehfilm produ­ziert. Das geht wahrscheinlich nur mit einer Form von Selbst­aus­beutung. Es ist abzusehen, dass einige Firmen klamm­heimlich vom Markt verschwinden werden. Es wäre aber bedau­erlich, wenn das zu Lasten des kreativen Outputs ginge, denn das Gros der kultu­rellen und wirtschaft­lichen Kinoer­folge der letzten Jahre wurde vielfach von unabhän­gigen Produ­zenten herge­stellt.

Spitzt sich die Lage derzeit zu?
Jeden­falls sind die goldenen Zeiten der Jahrtau­send­wende eindeutig vorbei. Die Produk­ti­ons­land­schaft hat sich verändert, und die Markt­führer haben ihre Anteile erheblich ausgebaut.

Der Anteil der Sender­töchter am Produk­ti­ons­vo­lumen liegt bei über 40 Prozent. Eine zusätz­liche Bedrohung?
Selbst­ver­ständlich steht Firmen, die einen Fernseh­sender oder ein großes Medien­un­ter­nehmen im Rücken haben, größere finan­zielle Power zur Verfügung. Man kann das den Gesell­schaftern kaum verübeln. Als Vater sorge ich ja auch dafür, dass es meinen Kindern gut geht, aber ich kann doch in der Beurteilung anderer Kinder darum nicht nachlässig sein oder ihre Begabungen ignorieren! Diese Produk­ti­ons­firmen haben natürlich einen Wettbe­werbs­vorteil.

Zum Nachteil kleinerer Betriebe?
Ich bin Idealist, ich gehe nach wie vor davon aus, dass sich indivi­duelle Qualität durch­setzt. Daher versucht unser Unter­nehmen auch weiterhin, besondere Filme zu machen. Ich sehe es als viel proble­ma­ti­scher an, wenn mir ein Sender erklären will, dass ich für einen bestimmten Sende­platz auch im Erfolgsfall nur einen Film pro Jahr produ­zieren darf. Dann wird die Luft natürlich dünner.

Fürchten Sie eine Spaltung der Allianz: hier die Sender­töchter, dort die unabhän­gigen Firmen?
Die Zukunft wird zeigen, wie und ob wir solida­risch sind. Es gibt ja abgestimmte Jahres­ziele, die wir in der Produ­zen­ten­al­lianz bisher gemeinsam beschlossen haben. Für mich und viele meiner Kollegen steht die Leiden­schaft für unsere Arbeit an erster Stelle. Aber mir ist klar, wie dünn das Eis ist. Die Auftragslage ist auch in Sachen Budget­größe und gewach­sener Ansprüche gegenüber den hohen Quali­täts­stan­dards angespannt.

Wo sehen Sie Vorteile unabhän­giger Firmen gegenüber den Konzern­töchtern?
Autoren, Regis­seure und Schau­spieler arbeiten gern für uns, weil sie mit dem Unter­nehmer unmit­telbar zu tun haben. Aber das erhöht leider nicht die Produk­ti­ons­schlagzahl. Dennoch müssen wir in jedem Fall selbst­re­flek­tiert an innova­tiven Programm­ideen und neuen Erzähl­formen arbeiten. Ich hoffe, dass die Einführung der Haushalts­abgabe zu einer neuen Quali­täts­dis­kussion führen wird. Es muss sich ohnehin grund­sätzlich etwas ändern.

Woran denken Sie konkret?
Die politische Unabhän­gigkeit des öffent­lich­recht­lichen Rundfunks ist längst nicht so groß, wie dies den Gründer­vätern einst vorschwebte. ARD und ZDF erklären immer wieder, wenn die Quote nicht stimme, verliere man den politi­schen Rückhalt. Die Politik muss aber in erster Linie daran inter­es­siert sein, dass ARD und ZDF ein ganz wichtiger Eckpfeiler der Demokratie sind und die kultu­relle Vielfalt pflegen.

Welche Heraus­for­de­rungen kommen auf die Allianz zu?
Der gesamte Medien­markt verändert sich immer rasanter. Das gilt vor allem für die Auswer­tungs­formen. Verhand­lungs­er­geb­nisse sind daher viel rascher überholt als früher und müssen immer schneller auf den Prüfstand gestellt werden, damit die Produ­zenten finan­zielle Mittel generieren können, um weiter innovative Partner auch der Sender zu bleiben. tpg

Quelle: Blickpunkt:Film Nr. 45/2012 vom 5. November, S. 36/37. Wiedergabe mit freund­licher Geneh­migung von G+J Enter­tainment Media GmbH & Co. KG.