BULLETIN DER BUNDESREGIERUNG Nr. 69-1
vom 7. Juli 2026

 

„Vor zwei Stunden hätte ich noch ein bisschen gezögert, hier den Eröff­nungssatz zu sagen, aber jetzt kann ich sagen: Das ist ein wunder­barer Abend. Nach den Hitze­wochen zuletzt wäre es ja auch komisch, würden wir über das bisschen Regen heute meckern. Aber zumindest in der Fantasie und im Film, wem sage ich das hier, da gibt es die lauen Nächte nach wie vor.

Stellen wir uns einfach gemeinsam vor, wir würden später noch ins Freiluftkino weiter­ziehen – gespielt würde „Sommer vorm Balkon“ von Andreas Dresen. Und stellen wir uns vor: Wir sinken ein in den Liege­stuhl. Der Himmel hinter der Leinwand ist gerade noch laven­delblau. Und bevor der Film beginnt, sieht man die übergroßen Schatten kleiner Insekten im Licht des Projektors. Und dann: Ein Rauschen, Musik – und das blasse Quadrat der Leinwand wird zur Tür in eine andere Wirklichkeit. Nana Mouskouri singt. Und plötzlich fühlt man sich feder­leicht und lächelt gemeinsam in die Dunkelheit hinein, wenn man wieder hört, wie Katrin zu Nike sagt: „So ist das Leben.“ Und die antwortet: „Aber wirklich.“

Ich glaube, wir alle, die wir hier sind, gehen für unser Leben gern ins Kino. Wer vor der Leinwand sitzt, hat die Chance, sich in eine andere Welt tragen zu lassen. Und das Tollste daran ist: Man tut diese Reise nicht alleine. Es kann passieren, dass man mit wildfremden Menschen in einem Raum sitzt und im selben Augen­blick auf dieselbe Weise unter­halten, ergriffen, hin und wieder auch erschüttert wird – ein spannendes Einver­nehmen, mindestens für einen Augen­blick. Und im besten Fall, wenn der Film gut ist – das heißt, wenn er einen berührt, wenn er unterhält, wenn er einiges lehrt –, dann kommt man auch von diesen Reisen verändert wieder zurück.

So ging es mir erst vor Kurzem, als ich „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak gesehen habe, den ersten in Deutschland seit langem produ­zierten Gewinner eines Goldenen Bären – seit, wenn ich das richtig erinnere, ungefähr 20 Jahren. Und der Film erzählt uns die Geschichte eines Künst­ler­paares, dem sein Leben unter den Händen zerbricht, nachdem es seinem Staat unbequem geworden ist.

Der Film arbeitet, Sie wissen es, hier in Berlin und in Hamburg mit Ersatz­schau­plätzen für die Orte, an denen die Geschichte eigentlich spielt. Dass auch das program­ma­tisch ist, wird einem beim Zuschauen klar: Die Geschichte mag weit entfernt erscheinen. Aber sie ist es natürlich nicht. Denn heute schwindet an vielen Orten auf der Welt die sicher geglaubte Freiheit, gerät die Demokratie unter Druck. Die Beklemmung, den Druck, den İlker Çatak seine Protago­nisten fühlen lässt, das spüren auch die Zuschaue­rinnen und Zuschauer, spüren wir ganz nah. Und das ist eben die große Gabe des Kinos: Es lässt einen manchmal die Welt schärfer sehen, als wir im Alltag sie erleben.

Was Sie alle hier tun, damit solche Momente entstehen, das sehen wir Kinogänger allen­falls im Abspann. Hinter jedem Bild steht eine große Schar von Menschen, die es erschaffen haben. Für diese Kunst, diese Leiden­schaft, diese Hingabe haben Sie alle, die Sie heute hier sind, meinen aller­größten Respekt.

Sie schreiben Treat­ments und Drehbücher. Sie initi­ieren Filmpro­jekte. Sie klären Finan­zie­rungen und Rechte. Sie suchen Locations und Ausstattung. Sie schreiben kompli­zierte Anträge, überwachen Arbeits­zeiten und die Sicherheit. Sie vertiefen sich in Ihre Figuren, deren Gedanken, deren Leben. Und vielleicht liegt darin gerade in diesen Tagen die doppelte Anstrengung, denn die Welt, von deren Umbrüchen auch im Film erzählt wird, ist ja eben zugleich auch unsere eigene.

Sie, die Filmleute, befragen unsere Zeit – auf der Leinwand, in der neuesten Serie, ja, auch in den Talkshows oder in einem neuen Unter­hal­tungs­format, das Sie produ­zieren.

Und während Sie das tun, ändert sich zugleich auch Ihre Welt, Ihr profes­sio­neller Alltag in einem geradezu atembe­rau­benden Tempo. Wie entstehen künftig Filme? Wie und wo finden Sie künftig Ihr Publikum? Wie und in welcher Geschwin­digkeit verändert die Technik, was Sie tun? Und was bedeutet das für die Produk­tionen der Zukunft und für die ganz prakti­schen Bedin­gungen, unter denen Sie alle arbeiten und arbeiten müssen?

Ich freue mich deshalb, dass die Bundes­re­gierung mit ihrer Reform eine Stärkung für die Filmför­derung beschlossen hat, die dem Filmstandort Deutschland jeden­falls helfen kann. Ich wünsche Ihnen allen, dass es Ihnen hilft, die Fragen nach der filmi­schen Zukunft mit mehr Zuver­sicht zu beant­worten!

Alexander Kluge hat die Antwort darauf gegeben. Er hat gesagt oder geschrieben, besser gesagt: Das „Prinzip Kino“ ist unsterblich. Ich würde gerne hinzu­fügen: das Kino hoffentlich auch! Bewahren Sie bitte Ihre Fantasie, Energie, Kreati­vität und Ihren erzäh­le­ri­schen Mut. Nichts weniger brauchen wir!

Glauben Sie an die Kraft Ihrer Bilder und Ihrer Geschichten! Wir alle brauchen solche Geschichten, die unseren Alltag spiegeln und uns Fragen stellen, die dort genau hinschauen, wo wir es gerade nicht tun, die Neues wagen. Sie machen uns Freude. Und ich bin fest davon überzeugt: Sie machen uns reicher.

Deshalb in diesem Sinne: auf den deutschen Film! Auf seine Geschichten! Und vor allen Dingen: auf die wunder­baren Menschen, die sie möglich machen! Auf Sie! Willkommen und danke.“

 

Rede von Bundes­prä­sident Dr. Frank-Walter Stein­meier zum Download

Pressefoto (© Anna Voelske)

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